werkgruppe: video_003 - video_006
2001
video_003
Ausgangsmaterial ist ein Urlaubsfilm, den meine Großmutter in den zwanziger Jahren auf Bali gedreht hat. Obwohl sie indonesischer Abstammung und auf Java aufgewachsen war, filmte sie das Leben auf der Nachbarinsel aus
einem touristischen Blickwinkel. Sie war offensichtlich fasziniert vom folkloristischen Ambiente und vor allem von der Nacktheit der Balinesinnen. Die Einwohner Balis erscheinen in ihrem Film als paradiesisches Volk in einer paradiesischen Landschaft. Als Ehefrau eines Niederländers hat sie die Kolonialherrschaft akzeptiert, obwohl diese Eheschließung für das junge Paar zu nicht unwesentlichen gesellschaftlichen Sanktionen und Diskriminierungen führte. In ihren Aufnahmen zeigt sie ihren Ehemann in der Pose des Kolonialherren. Als Amateurfilmerin steht sie zwischen Kolonialmacht und kolonialisiertem Volk. Sie wird durch ihre persönliche Geschichte zum Touristen im eigenen Land. Ihre Urlaubsdokumentation verwischt die Grenzen zwischen Tourismus und Kolonialismus. Dieser Film ist weder gekürzt noch bearbeitet und ist als solcher Teil einer aus vier Projektionen bestehenden Installation.
video_006
Eine auf Bali produzierte und zum Kauf angebotene Videokassette zeigt die touristischen Attraktionen der Insel. Die Motive stimmen zum Teil mit denen überein, die auch schon von meiner Großmutter festgehalten wurden. Dieses Kaufvideo ist, ebenso unbearbeitet, weiterer Bestandteil der Installation. Dem privaten Blick des Amateurfilms aus der Frühzeit des Tourismus steht eine zeitgenössische Inszenierung gegenüber, die darauf abzielt, die Wahrnehmung des Besuchers zu stimulieren und zu lenken.
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Dritter Teil dieser Werkgruppe ist meine Videodokumentation des Wegs vom Hotel zum Verkaufsort des oben beschriebenen Videos. Beliebig wird die Kamera auf Straßenszenen gerichtet, — zunächst aus dem Taxi dann zu Fuß — wie in einigen frühen Arbeiten der Videokunst gilt die Entsprechung von Echtzeit und gefilmter Zeit. Überhöht wird hier das Ideal des touristischen Videoamateurs, der eine lückenlose Erfassung seiner Reise mit dem Camcorder anstrebt. Das steht im Gegensatz zum selektiven, auf Sehenswürdigkeiten und Exotik gerichteten Blick, der sich sowohl im Amateurfilm meiner Großmutter als auch im Kaufvideo repräsentiert.
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Das Lokalkolorit der Insel Bali wird in einer Hotelanlage klischeehaft in Szene gesetzt. Das Hotel wird zum Themenpark einer touristischen Simulationsmaschine. Das vermeintlich Authentische bildet die Kulisse für eine Erlebniswelt, die allen Ansprüchen eines verwöhnten Reisenden genügt. Sämtliche technischen Einrichtungen, wie z.B. Klimaanlage, Computer und Wasserspender, werden schamhaft verhüllt. Das überkommene Klischee der Exotik lässt ein unergründbares Fremdes vermuten. Die Inszenierung des Fremdartigen im Hotel ist variables Interface westlicher Standards.
Während sich meine Großmutter in ihren Filmaufnahmen von der Faszination der Enthüllung leiten ließ, die möglicherweise ihren Sehnsüchten nach exotischer Erotik entsprachen, konzentriert sich mein Blick auf die inszenierte Verhüllung von westlicher Kultur. Das Video dokumentiert die architektonische und skulpturale Simulation von Exotik. Ähnlich wie bei Hotel Palenque von Robert Smithson entspricht das Abgebildete nicht den gängigen touristischen Erwartungen. Während Smithson seine Fotokamera weg von den Maya-Ruinen hin zu einem Hotel wendet, das zugleich im Aufbau und Zerfall begriffen ist, richtet sich meine Videokamera auf die perfekte Widerspiegelung der lokalen Sehenswürdigkeiten in der Inszenierung der Hotelanlage. Mein Interesse gilt hier den fremdartigen Oberflächen, die Vertrautes verhüllen und damit letztlich auf sich selbst verweisen.
(Theo Ligthart)



















