Fernsehen, Fernbedienung und Fernreise
Theo Ligthart

Unsere vom Fernsehen geprägte Welt beschreibt Günter Anders, der Vater der Fernsehkritik, als "Phantom" und "Matrize". Phantomhaft ist die Welt, da sie, durch die Bilder, die uns ins Haus geliefert werden, halb an- und halb abwesend ist; dadurch würden wir der Erfahrung und somit der Fähigkeit zur Stellungnahme beraubt. Wir sind, laut Anders, zu unfreien Lauschern und Voyeuren degeneriert, die Ereignisse ausschließlich in Reproduktionsform, ohne Kenntnis des Originals, als Matrize konsumieren müssen.

 

Nach der Lektüre Günter Anders könnte man meinen, dass die TV-Konsumenten entweder nicht mehr reisen müssen, da sie eine ausführliche Weltsimulation im Wohnzimmer empfangen können, oder aber dass sie sich gerade deswegen in regelmassigen Zyklen aus ihren mit TV-Geräten ausgestatteten Wohnungen befreien müssen, um mit authentischen Eindrücken, die sie auf ihren Reisen zu bekommen hoffen, heimzukehren. Die geglückte Simulation im bequemen Sessel oder das subversive Reisen zu den Orten, wo der Tourist jene Realität zu finden glaubt, die ihm, wie mancher Medienkritiker meint, medial verwehrt bleibt, wären zwei Gründe für mögliche Verhaltensformen.

 

Gegen die erste Möglichkeit spricht die Beliebtheit des Reisens. Gegen die zweite Möglichkeit spricht die Art der Reiseprogramme, die angeboten und nahezu gleichermaßen gebucht werden.

Wieso aber möchte der fernsehende Mensch die Ferne sehen, wobei er seinen Fernseher verlässt und eine Fernreise bucht? Man könnte den Urlaub als haptische und taktile Befreiungstherapie für die Fernsehkonsumenten interpretieren, für die bekanntlich vieles sichtbar aber nichts greifbar ist. Die Reise ist jedoch in dieser Hinsicht eher dem Fernsehen verwandt. Fast alles, dem das Interesse des Urlaubers gilt, befindet sich hinter Schaufensterscheiben oder Busfenstern oder ist aus musealen Gründen verboten zu berühren. Die Welt, die sich ausstellt und gleichzeitig dem haptischen und taktilen Erleben entzieht, ist eine durch das Fernsehen verbreitete Erfahrung, die sich im Urlaub wiederholt.

 

Für die Bewältigung dieses Defizits gibt es in beiden Lebenswelten einen gelungenen Ersatz. Die Videokamera ist jener Besitz, den der Reisende überall hin mitnehmen kann und den er aufgrund seiner betont ergonomischen Form gerne angreift. Was aber ist das Objekt der haptischen Begierden, wenn man nicht gerade auf Urlaub ist und zu Hause im Fauteuil vor dem TV-Gerät sitzt? Es ist jenes Gerät, dessen Design in den letzten Jahren wesentlich prägender für die Ästhetik der Camcorder war, als die Bauweise der professionellen Fernsehkameras. Dieses äquivalente Gerät ist die Fernbedienung, die sich im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte ihrer Funktion als greifbare, mediale Restmaterialität bewusst wurde und daher eine unübersehbare Menge an Knöpfen und Tasten angesammelt hat. Diese Tasten- und Knöpfe-Mythologie hat sich auf den Camcorder übertragen. Der gegenwärtige Trend zur Einfachheit am Elektroniksektor sieht zwar eine Reduktion der Bedienelemente vor, das Problem wird aber gelöst, indem die Tasten dieser Geräte hinter verschließbaren Deckeln optisch verschwinden, wodurch sie als Versteckte und Verdrängte mit noch größerer Bedeutung wiederkehren können. Bildschirmmenüs sollen neuerdings bei beiden Geräten Interaktivität simulieren. Die Videokamera suggeriert dem heimatlosen Reisenden, die an den Fensterscheiben seines Autobusses vorbeigeleitenden Dörfer und Landschaften seien von ihm im Sinne eines Fernsehprogramms selbst gewählt. Mit unter sind die Reisebusse zusätzlich mit Monitoren ausgestattet, die Videofilme mit Aufnahmen jener Landschaften zeigen, die der Bus gerade durchfährt.

 

Ganzjährig konsumiert man das Fernsehprogramm mit schlechtem Gewissen, kaum jemand fasst den Entschluss, mehr fernzusehen. Dieser Gewissenskonflikt des Fernsehzuschauers entsteht durch die Behauptung, dass die Bilder, die man sieht, die Realität nicht adäquat repräsentieren. Die Wirklichkeit wird deshalb hinter den Bildern vermutet. Diese Vermutung könnte Grund dafür sein, warum es jährlich unzählige Touristen weg von ihren Fernsehern treibt, um die Welt außerhalb des Fernsehens zu besuchen. Die Vorstellung von einer Realität hinter den Bildern der Massenmedien führt dazu, dass die Dinge, die wir außerhalb der Medien erleben, als Wirklichkeit empfunden werden. Dem Fernsehen verdanken wir die Feststellung einer wahrhaftigen Realität mit unumstößlichen Tatsachen. Diese Realität ist eben nur durch den permanenten Verweis auf das angebliche Verschwinden der Wirklichkeit durch die Medien erklärbar. Gäbe es keine Massenmedien, könnte man die Vorstellung einer erleb- und erfahrbaren Wirklichkeit nicht so einfach produzieren, wie dies durch das Denunzieren der Weltsimulation des Fernsehens erfolgt. Das Suchen nach der Wirklichkeit außerhalb des Fernsehers führt aber dazu, dass das Gefundene als Beweis für seine Authentizität wieder zu Fernsehen gemacht wird, indem wir das, von dem wir glauben, es sei authentisch, auf Video verewigen. Die Vorstellung von dem, wie die Wirklichkeit auszusehen hat, ist wiederum vom Fernsehen geprägt, wodurch wir nur noch jenes als authentisch anerkennen können, was den Bildern des Fernsehens entspricht. Trotz der Befürchtung, das Fernsehen nähme uns die Wirklichkeit weg, ist es das Fernsehen, welches uns auf Reisen mit Unterstützung der Videokamera die Wirklichkeit vermittelt. Wären wir nicht im Besitz einer solchen Kamera und hätten wir nicht schon eine durch das Fernsehen geprägte Vorstellung, wie sich uns das Fremde möglichst authentisch offenbaren kann, dann könnte es passieren, dass wir genau jene Welt, die wir kurzzeitig nicht im, sondern außerhalb des TV-Geräts erleben dürfen, für eine verfälschte und unwirkliche halten. Aber dank der Fernseherfahrung und dem Filmen mit der Videokamera dürfen wir die Welt in dem Glauben bereisen, dass alles, was uns das Reiseprogramm zu bieten hat, der vor-gestellten Realität entspricht. Der Sinn des Reisens scheint darin zu bestehen, "den Stand des Fernsehens zu verifizieren" (Gilles Deleuze). Umgekehrt helfen uns Fernsehkonsum und Videokamera die Erlebnisse einer Reise zu reauthentifizieren. Die Videoreise gibt uns die Möglichkeit, die Wirklichkeit hinter den Bildern der Medien zu entdecken, denn diese Reise führt uns hinter die eigene Mattscheibe: Sie ist eine Reise in das Fernsehgerät.

 

Das magnetische Aufzeichnen einer Reise verschiebt das Wahrnehmen der Reise auf einen Zeitpunkt, der zu Hause vor dem Bildschirm stattfinden soll, aber aufgrund der Überfülle des Bildmaterials in den meisten Fällen nie vollzogen wird. An die Stelle der visuellen Wahrnehmung des Touristen tritt seine Ganzkörper-Wahrnehmung. Diese unterschiedlichen Wahrnehmungsformen stehen für die psycho-physische Dualität des Urlaubers. Die geistige Aufnahme, die beim Betrachten von Sehenswürdigkeiten abverlangt wird, soll durch das externalisierte Auge - die Videokamera - erfolgen, damit der Tourist sich vollständig auf die leibliche Aufzeichnung der Reise durch Sonnenbräune konzentrieren kann. So wie kein Sonnenstrahl am Körper vorbeigehen darf, so darf kein Lichtstrahl der Videokamera entgehen. Die Bildpunkte des Videobilds sollen die Reise genauso dokumentieren, wie die dunkeln Pigmentpunkte der Haut. lm Gepäck sollten daher sowohl Sonnenöl für die Tiefenbräune als auch die Videokamera als Aufzeichnungshilfen mitgeführt werden. Der Tourist, der Dank seines Camcorders und der Bräune die Reise reichhaltig dokumentiert weiß, freut sich selbstverständlich über diese effiziente Nutzung seines Reisebudgets. Das Videoband und die Ganzkörperwahrnehmung werden zur Rendite der Reisekosten.

 

Die Urlaubsreisen, die uns in die Fremde führen, sollen uns das Fremde näher bringen. Ein Überschuss an Unerklärbarem in fremden Kulturen bleibt den Touristen immer erhalten. Für den Umgang mit dem Unfassbaren gibt es die Videokamera, die darauf spezialisiert ist, alles zu erfassen, ohne einer von seinem Benutzer erstellten Bedeutungshierarchie soweit gehorchen zu müssen, wie dies ein Photoapparat muss. Nur das möglichst sinn-entleerte Filmen kann das einfangen, von dem der Tourist behauptet, es zu suchen: Das Eingefangene, auf eine Videokassette gebannt, ist nicht mehr ein beängstigendes bedrohliches Fremdartiges, sondern lediglich das Videoband einer Fernreise. Es ist der Akt des Archivierens, der das Unbekannte überwinden soll. Das Beschriften der Etiketten, die auf die Kassetten geklebt werden und das Einordnen im Archiv, das sich zu Hause im Einbauschrank befindet, ist die Domestizierung des Fremden. Im Wandverbau, geordnet und beschriftet, stehen die Videokassetten, die die Reise anstelle des Reisenden rezipiert haben. Es geht nicht mehr wie im Zeitalter der Photographie um die technische Reproduzierbarkeit der Urlaubseindrücke, sondern um ihre die digitale Rezipierbarkeit.

 

Die Videokamera soll als zuverlässige Bildaufzeichnungsmaschine funktionieren, wodurch der Videofilmer vom rezeptiven Modus der visuellen Wahrnehmung der Reise entbunden wird und sich einer anderen, mehr gestischen Weise des Sehens widmen kann. Neuere Camcorder haben den Sucher durch einen LCD-Bildschirm ersetzt, wodurch die Kamera das Fern-Sehen sofort ermöglicht. Das Sehen wird, da es nicht mehr an die Aufgabe der Wahrnehmung gebunden ist, zum reinen Gestus des Sehens. Video sollte entsprechend der lateinischen Verbform verstanden werden: >ich sehe<. Alles, was der Reisende zu sehen bekommt, ist schon vom Tourismus annektiertes Gebiet. Das Pittoresk-Primitive ist immer schon durch die Anwesenheit des nach authentischen Erlebnissen suchenden Touristen zerstört. Auf der Suche nach der vortouristischen Idylle begegnet er sich immer wieder selbst: als kulturell-degenerierter Fleck im folkloristischen Bild. Der touristische Blick, der durch übermassige Neugierde Schuld auf sich geladen hat, kann diese auf die Videokamera übertragen. Der Urlauber bildet keine Symbiose mit seiner Kamera, sondern macht sie zum Platzhalter seiner angeblichen kulturellen Überlegenheit. Der Camcorder wird zum Synonym technischer Errungenschaften und somit zum Inbegriff der Differenz von industrieller Kultur und scheinbarer Naturbelassenheit der bereisten Welten. Der Tourist versucht sich als unschuldiges Wesen zu konstituieren und bedient sich dabei der Mimikry. Seine Kleidungscodierung entspricht zwar nicht den Trachten der fremden Kulturen, jedoch scheint sie auf eine verstärkte Infantilisierung gerichtet zu sein. Unschuldig wie ein staunendes Kind eignet sich der Videotourist den Mythos des naturnahen und daher unschuldigen Wilden an. Er inszeniert sich zu jenem Motiv, das er auf seiner Reise sucht. Während die Kamera als Hightechmaschine die kulturelle Differenz festschreibt, wird auf der Ebene des Bildmotivs eine Minimierung dieser Differenz angestrebt, indem die Reisebegleiter als Vordergrund mit den fremden Motiven ein symbiotisches Verhältnis eingehen soll en.

 

Damit wird deutlich, dass neben der anfänglich beschrieben Ähnlichkeit zwischen Videokamera und Fernbedienung diese beiden Geräte auch Gegensätze repräsentieren. Die Videokamera dient der Überwindung von Entscheidungszwängen durch die Negation einer Bedeutungshierarchie des Abzubildenden und suggeriert dadurch dem aufgeklärten Subjekt, er könne einen naturnahen Zustand einnehmen. Die Fernbedienung hingegen bemüht den Mythos der demokratischen Wahlfreiheit, die (Erlebnis-) Welt gestalten und kontrollieren soll. Reise- und Fernsehprogramme sorgen jedoch dafür, dass diese Projekte nicht eingelöst werden. Der reine Naturzustand galt für die Aufklärung als glückliche Vorgeschichte einer selbstverschuldeten Unmündigkeit des Menschen. Die Willensfreiheit sollte den Umstand dieser Unmündigkeit überwinden. Während die Videoreise den mythischen Ursprung des Naturzustandes einholen soll, verweist das Fernsehen mit Fernbedienung auf die Utopie der Willensfreiheit eines souveränen Subjekts: Der Prozess der Aufklärung wird medial konsumierbar.


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