sommer/nacht/traum
2002
Demetrius: Ich laufe fort, verberge mich im Busch
Und lasse dich der Gnade wilder Tiere.
Helena: Das wildeste hat nicht ein Herz wie Du.
Lauft, wenn Ihr wollt!
Demetrius: Ich steh nicht länger Rede: laß mich gehen.
Hermia: Doch warum mußtest du so von mir eilen?
Lysander: Den Liebe fortriß, warum sollt’ er verweilen?
Hermia: Und welche Liebe war’s, die fort von mir dich trieb?
William Shakespeare, Sommernachtstraum
| In einem Theaterraum befinden sich auf einer Bühne sechs Laufbänder. Vor jedem Band steht eine Videokamera auf einem Stativ. Sechs Schauspielerinnen und Schauspieler gehen bzw. laufen auf diesen Bändern. Die Geschwindigkeit der Laufbänder ist variabel. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sprechen Textpassagen aus Shakespeares „Sommernachtstraum“, wobei die Akteure ihren Blick immer zur Kamera richten. Die aufgezeichneten Bilder und Töne werden live in einem Kunstraum (Galerie oder Museum) übertragen. In diesem Raum hängen sechs Videoleinwände parallel hintereinander. Bei den Leinwänden handelt es sich um so genannte Aufpro/Rückpro-Leinwände, die das projizierte Bild sowohl von vorne als auch von hinten wiedergeben. Somit erscheinen die Aufnahmen der Schauspielerinnen und Schauspieler jeweils auf beiden Seiten einer Leinwand. |
| Durch die Anordnung der Projektionsflächen werden dem Betrachter je nach Blickwinkel unterschiedliche Interpretationen der Bilder ermöglicht. Steht der Rezipient zwischen den Leinwänden, dann Laufen die Schauspieler auf einander zu. Nimmt der Besucher aber einen Standpunkt seitlich zu den Projektionsflächen ein, so laufen die Schauspielerinnen und Schauspieler einander hinterher. Die Eigenart dieses Projektionsverfahrens besteht darin, dass egal welche Position der Besucher einnimmt, sich die Darsteller immer in Richtung des Betrachters bewegen. Die gesprochenen Textfragmente, die Liebe, Verlangen, Erwiderung, Ablehnung und Enttäuschung thematisieren, verändern ihre Bedeutung je nach den Blickpunkt des Rezipienten. Der Standpunkt, von dem aus die Installation betrachtet wird, legt fest, ob man die Szenerie als abstrahierte Romanze einer erfüllten Liebe oder als schematisches Abbild der Tragödie eines zurückgewiesenen Verlangens interpretieren soll. Der Blickpunkt des Betrachters bestimmt den Rahmen der Interpretation des Dargestellten. Schematisch kann man die Position zwischen den Leinwänden als „A liebt B und B liebt A“ beschreiben. Ein Standpunkt neben den Leinwänden lässt sich als „A liebt B, aber B liebt nicht A“ interpretieren. |
| Die Aufführung findet im Theater, die Wiedergabe im Kunstraum statt. Diese Übertragung von einer Institution in eine andere verändert den Kontext. Die Übersetzung eines Ereignisses, welches an einem Ort für darstellende Kunst aufgeführt wird, in einen Ort für bildende Kunst thematisiert den Einfluss des Kontextes der jeweiligen Institution auf das Verständnis des Wahrgenommen. Der performative und inszenatorische Aspekt des Theaters wird in ein bildnerisches und skulpturales Ensemble übersetzt. Wie ein Podest im Theater als Bühne und im Kunstkontext als Sockel verstanden wird, so wird die theatralische Versuchsanordnung mit den agierenden Schauspielerinnen und Schauspielern im Kunstraum zu einer Reihe von bewegten Tafelbildern umgeschrieben. Das Theaterspiel mutiert zu Bildern einer Ausstellung. Das performative Ereignis im Theater verwandelt durch die Reproduktionsform (Videoinstallation) seine Bedeutung. Im Theater findet die Inszenierung statt, von welcher die Installation ein Abbild ist. Die Inszenierung jedoch richtet sich wiederum nach dem Abbild. Ein Ereignis, das im Theater stattfindet, wird im Kunstraum reproduziert, wobei die Reproduktionsform das Ereignis inszeniert. |


