elle est double (In Search of Jan Bas Ader)

2002

„Ich behaupte, dass es die Empfindsamkeit ist,
die die mittelmäßigen Schauspieler macht;
die extreme Empfindsamkeit die bornierten Schauspieler;
der kalte Sinn und der Kopf die großartigen Schauspieler.“

Denis Diderot / Paradox des Schauspielers

 








   

Ein dunkler Raum – in der Mitte hängen nebeneinander in einer Reihe sechs Rückprojektionsleinwände. Auf diesen scheinbar schwebenden Projektionsflächen sind Gesichter zu sehen, sechs Videoporträts von weinenden Frauen. Ihr Weinen ist je unterschiedlich: leise schluchzend, künstlich überhöht, affektiert oder hysterisch,

Jeder Projektion ist die jeweilige Tonspur zugeordnet, oberhalb der Leinwand gibt ein Lautsprecher die entsprechenden Geräusche des Weinens wieder, im Raum überlagern sich diese.

Diese Installation ist dem Schauspiel als Technik der Reproduktion von Gefühlsäußerungen gewidmet. Die Videosequenzen zeigen Schauspielerinnen, die vor der Kamera weinen. Schauspielen heißt selbst sein eigenes Medium zu sein. Das Medium Film und Video vermittelt jedoch den Eindruck, dass der Darsteller-Interpret sich selbst verkörpern würde. Durch die Verdoppelung der Medien (Schauspiel und Aufzeichnung) soll der Zuschauer die Medialität vergessen. Daher wird für diese Installation der Raum abgedunkelt wie ein Kinosaal. Die in der Mitte des Raums befindlichen Leinwände können von beiden Seiten betrachtet werden, wodurch die mediale Inszenierung selbst zum Gegenstand der Betrachtung wird. Die Medialität von Aufzeichnung und Wiedergabe wird ins Zentrum der Installation gerückt. Ein Spiel zwischen Vergessen und Hervorhebung der Medien.

Weinen ist eine Vermittlung von Gefühlen; es kommuniziert eine Befindlichkeit. Einerseits ist die Distanz zwischen Gefühl und Äußerung des Gefühls Merkmal des Weinens, andererseits der Verlust an Selbstbeherrschung.

Die Schauspielrinnen weinen. Sie reproduzieren diesen Affekt. Isoliert von einer narrativen Einbettung konzentriert sich diese Arbeit auf die darstellerischen Techniken des Weinens. Der Rezipient soll auf die Frage gelenkt werden, ob er hier mit authentischen Gefühlsausbrüchen konfrontiert wird oder mit der mimetischen Wiedergabe von Gefühlsäußerungen. Weder geht es hier um einen Wettbewerb im Weinen noch um eine Typologie des Weinens, sondern um eine Gratwanderung zwischen dem authentischen Affekt eines Gefühls (Natürlichkeit) und dem Abbilden eines Gefühlsausbruchs (Künstlichkeit).

Die Intentionalität des Weinens zu verbergen, heißt die Schauspieltechnik vergessen zu machen und das durch das Schauspiel kreierte mimetische Abbild zur Wahrheit zu erklären. Essentielle Fragen der Schauspielkunst werden hier zur generellen Frage nach der Medialität von Gefühlen.

Nicht ein Produkt (das Weinen) wird hier ausgestellt, sondern dessen schauspieltechnische Reproduktion. Daher sind für die einzelnen Sequenzen nicht die möglichst realitätsnahen Gefühlsäußerungen wichtig, sondern die Transparenz des Reproduktionsprozesses. Nicht Gefühlsausbrüche, sondern die Vermittlung und Mittelbarkeit von Gefühlen werden in der Installation deutlich. Die Vermittlung läuft über drei Ebenen: Das Weinen ist eine Vermittlung von Gefühlen. Die Schauspielerinnen agieren als Medien, die dieser Gefühlsvermittlung ein mimetisches Abbild zu geben versuchen. Die in der Installation verwendeten Medien Videoaufnahme und –projektion suggerieren gerade durch die zeitliche und räumliche Distanz von Akteurinnen und Betrachter eine Unmittelbarkeit, die das Dargestellte als Darstellung vergessen lässt. Die Anordnung der Medien im Raum soll jedoch dieses Vergessen unterbindet.

(Theo Ligthart)


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